ØDIPUS REC

Musiktheater
geplant 2018/19

Exposé
Ausgangspunkt dieses Konzeptexposés ist das Themenfeld Blind im Kontext des Mythos von Ödipus. Blind lässt uns zuerst an die physische Blindheit denken, aber sie bedeutet auch Ignoranz, Verwirrung, Dunkelheit und Unwissenheit. Blind für demokratische Werte, für Menschenrechte, für Umweltfragen setzen politische Führungen heute ihre Machtbestrebungen weiter um und fort. Auch sind sie taub geworden für all die Stimmen, die unentwegt die kommenden Tragödien ankündigen. In Bezug auf die Beziehung zwischen Ödipus und Teiresias liesse sich sagen: Der Sehende sieht seine eigene Tragödie nicht — der Blinde hingegen erkennt die Katastrophe. Das diesem Exposé vorangestellte Zitat steht somit als Leitmotiv für eine Befragung von Machtverhältnisse des Sehens, Hörens, und von Verhältnis zwischen Empathie und Narzissmus in der Form eines experimentelles Musiktheaters.

Was und wie müssen wir heute sehen, dass etwas, was wir hören, wahr wird? Und wie und was müssen wir heute hören, dass etwas, was wir sehen, wahr wird? Diese Fragen könnten in der Umsetzung auch aus der Perspektive von G. Deleuze und A. Guattari folgendermaßen betrachtet werden: Wenn das Ziel der Kunst wäre das Unsichtbare sichtbar zu machen, dann wäre das Ziel eines „Musik-Theaters“ das Unsichtbare hörbar (sowie das Unhörbar sichtbar) zu machen. Dies könnte die Bedeutung dieses Treffens mit Teiresias sein: sein Geist ist nicht blind, weil (im Gegensatz zu Ödipus, in diesem Stadium) ist er nicht versucht, die Dinge mit seinen Augen sehen. Er weiß, wie er die Dinge mit seinen Augen hören und mit seinen Ohren sehen kann.

Im Aufsatz „What is it like to be a bat?“ 1974 (deutsch: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?) tritt der Philosoph Thomas Nagel reduktionistischen Bemühungen in Bezug auf die Erklärung des Bewusstseins entgegen. Egal wie viel wir über das Gehirn eines Wesens wissen, z. B. über das einer Fledermaus (daher der Titel), so können wir doch nie dessen Erlebnisperspektive naturwissenschaftlich erschließen. Ein Beispiel: Wenn wir genau wissen, was im Gehirn einer Fledermaus passiert, wenn sie mittels ihres Echolot-artigen Wahrnehmungsapparats Gegenstände wahrnimmt, wir also die Funktionen und Systeme eines solchen Wahrnehmungserlebnisses kennen, so wissen wir immer noch nicht, wie es ist bzw. wie es sich für die Fledermaus anfühlt, solche Echolot-artigen Wahrnehmungen zu haben – „what is it like“.

Wir treten an, um mit der Erzählung des Mythos Ödipus und den Mitteln der Oper den Wechsel von Erlebnisperspektiven zu realisieren, und so die Ambivalenz und die Widerstände der unterschiedlichen Perspektiven des Mythos erfahrbar zu machen. Wir wollen das Publikum mit einem neuen ‚Hinhören‘ und ‚Hinsehen‘ zu einem aktiven ‚Handeln‘ bewegen. Für die Produktion Ødipus REC erzählen die Neukompositionen von Ole Hübner zusammen mit dem bearbeiteten Text den Mythos aus den Augen von Ödipus nach seiner Blendung.

Wir entwicklen unter anderem Spielformen, die dem Publikum die Autorität über das Sehen übertragen kann. Es besteht zum Beispiel die Idee, dass jeder / jede*r einzelne Zuschauer*in mit einer Taschenlampe den die Bühne für kurze Zeit zu erhellen kann. So wird dieses zum Co-Autor und einem verantwortungsvollen Mitspieler der Inszenierung. Und wir entwicklen elektroakustische Kompositionen, die mit der gleichzeitigen Anwendung von binauraler Mikrofonierung und vorproduzierten Tonaufnahmen, die Idee von „deterritorialisierten“ Sehen und Hören realisieren. Im Zentrum der Entwicklung dieses Projekts steht die Idee einer live choreografierten ‚Überschreibung’ des Mythos mit Kompositionen, Texten und räumlichen Situationen, ähnlich der Produktion The Navidson Records (Münchener Biennale 2015/16).

Künstlerische Leitung
Tassilo Tesche
Till Wyler von Ballmoos

Produktionsleitung
Maxine Devaud

Cast
Ødipus: Sänger/Schauspieler N.N.
Teiresias / Jokaste: Countertenor N.N.
Kreon: Sängerin N.N.
Chor: Musiker*in N.N.
Bote: Elektroakustischen Komponist*in N.N.

Der Cast dieses Expose ist konzeptionelle Diskussionsgrundlage für die Produktion.