REMAINDER- PLAY (Arbeitstitel)

Exposé
REMAINDER- PLAY nimmt den Roman „Remainder“ (erschienen 2005, deutscher Titel „8 1/2 Millionen“) als ideelles und strukturelles Ausgangsmaterial. In seinem Debütroman widmet sich der britische Theoretiker und Schriftsteller Tom McCarthy dem Problem der Simulation und der Rekonstruktion von Leerstellen. Der Roman erzählt die Geschichte von einem namenlosen Helden, der durch einen Unfall durch „ein vom Himmel fallendes Objekts“ traumatisiert wurde. Selbst die Schadensersatzzahlung von achteinhalb Millionen Pfund können den Gedächtnisverlust des anonymen Protagonisten nicht rückgängig machen. Hoffnungslos entfremdet verbringt er seine Zeit und sein Geld damit, vage erinnerte Szenen und Situationen aus seiner Vergangenheit obsessiv zu rekonstruieren, Statisten zu engagieren und die Erinnerungen im Loop nachspielen zu lassen: wie zum Beispiel das Üben eines Klavierstücks eines kleinen Mädchen im Nebenzimmer, das Geräusch und den vertrauten Geruch von gebratener Leber oder die absurde Begegnung eines Pärchen, das wortlos aneinander vorbeigeht oder einen grotesken Autounfall. Seine Inszenierung von nicht endenden Wiederholungen sind vom Verlangen nach einer verlorenen Authentizität getrieben.

Der Text befragt damit die Idee der Choreografie von alltäglichem Leben in Form von Feedbackschleifen, Manipulationen und Konstruktionen von Wirklichkeiten und untersucht das Verhältnis von leiblicher Präsenz und medialisierter Realität, Authentizität und Rekonstruktion von Leerstellen anhand einer komplexen Inszenierung eines Wohnhauses und weiteren Alltagssituationen. Immer grösser erscheinen die Leerstellen in seiner Wahrnehmung. Immer stärker wird der Drang die Leerstellen auszufüllen. Seine Inszenierungen verschieben sich immer mehr zu einer absurden, grössenwahnsinnigen Materialschlacht einer Ersatzwelt, die wie ein ironischer Kommentar auf heutige Formen von Entfremdung in einer exklusiven, konsumüberladenen ‚Ersten Welt‘ wirken. Bezeichnenderweise ist es ein Riss in der Wand, der Erinnerungen und Déja-vus beim Protagonisten auslöst, die er im weiteren Verlauf der Geschichte aufwändigst rekonstruiert.

Daher ist das Bild des Risses — im Sinne von  instabilen, fragilen und brüchigen Situationen — als Metapher Ausgangspunkt für die Konzeption von Komposition, Text und Raum. Der Roman dient strukturelle Inspiration für die Erarbeitung des Stücks, um die beschriebene Lebenswelt des „unsichtbaren“ Protagonisten zu rekonstruieren. Essentieller Teil des Inszenierungskonzeptes ist die gegenseitige Überlagerung von fiktionalen und alltäglich-realen Bildern: Die beschriebenen Deja-vu’s und Erinnerungen des Protagonisten werden in recherchierte Fotografien von urbanen Alltagssituationen ‚übersetzt‘. Die gefundenen Fotografien bilden dabei Grundlage und ‚Folie‘ für die szenischen und szenografische Ausarbeitung der Inszenierung.

Im Fokus der Entwicklung der Partitur steht dabei die Arbeit an der Schnittstelle von Sprache, Klang, Geräusch und Raum, um entstehende ‚Risse‘ im Sinne von Reibungsflächen offenzulegen und damit einen metaphorischen und sinnlich erfahrbaren Zugang zu ‚Rissen’ in unserer Gesellschaft zu schaffen.

Die offensichtlichen Analogie zu Georges Perecs Werk „La Vie mode d’emploi“, 1978 (deutsch: Das Leben Gebrauchsanweisung) könnte zudem eine Auseinandersetzung mit Intertextualität, Suche nach neuen Erzählformen und den Ideen der Oulipo-Gruppe weiter gedacht werden.

Künstlerische Leitung
Till Wyler von Ballmoos
Tassilo Tesche

Produktionsleitung
Maxine Devaud