*abbildung ähnlich

Rechercheprojekt

mit Lisa Danulat in Kooperation mit PACT Zollverein, Essen

Erinnerungen – Erzählungen
Durch viele verschiedene Gesellschaftsbereichen brennen sich Krisen mit neuen Schlagworten, politisch aufgeladenen Bildern, Metaphern, Instagram-Stories, Klängen und Technologien immer mehr in unser kollektives Gedächtnis. Vor diesem Hintergrund untersucht die künstlerische Recherche im Rahmen der Residenz bei PACT Zollverein individuelle Wahrnehmungsmuster in Verbindung mit historischen Ereignissen sowie die Genese kollektiver Erinnerungen und Erzählungen in biografischer Kippmomente. Wir fragen uns, wie aus historischen Fakten eine individuelle Realität wird und welches performative, subversive und poetische Potenzial sich z.B. in Verschiebungen zeigen kann, die sich durch die mehrfache Wiederholung und Überschreibungen von Erzählungen ergeben.
Wie entwickelt sich aus einer Erinnerung eine Erzählungen und „wer spricht“ in diesen? Lassen sich durch Verknüpfungen von Erinnerungen neue Erkenntnisse gewinnen? Können wir ein kollektives Gedächtnis erschaffen, ohne die entsprechenden Momente tatsächlich gemeinsam erlebt zu haben? Wie können wir uns kritisch und künstlerisch-produktiv in Deutungskämpfe um (Sprach-)Bilder einmischen und neue Gegenerzählungen eröffnen?

Interpretation, ein kollektiver Prozess?
Um die Deutungskraft und Interdependenzen von Ereignis und Erinnerung zu erforschen, startet Till Wyler von Ballmoos zusammen mit der Autorin Lisa Danulat eine performative „Erinnerungsrecherche“, ausgehend vom Jahrestag eines historischen Ereignisses, welches zum Wendepunkt/Kippmoment in der eigenen Biographie wurde. Ein persönlicher Moment ist z.B. der 26. April: 1986 ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Dieses Ereignis hat sich, als Metapher für alle Formen von unsichtbarer Bedrohung, tief in die Erinnerung eingegraben und legt seinen Schatten über weitere Lebenssituationen.
Wir unterziehen während der Residenzzeit unseren Erinnerungsfragmenten einem kollektiven, performativen Prozess der ‚Wiedererinnerung‘ (Anamnesis). In einem kontinuierlichen gegenseitigen Briefwechsel mit Lisa Danulat findet eine Befragung und Übersetzung individueller Narrative und Bilder statt. Aufzeichnungen und Dokumente werden mittels Um- und Überschreibungen in Form von Gedichten, Kettenbriefkompositionen, gezeichneten Skizzen, Bildkommentare in Form von gedruckten Fotos, oder attribuierten Objekten rekontextualisert. Das verfassen eines Briefes wird ebenso zum Ereignis, wie die Zeit des Wartens auf die Antwort von Lisa oder vice versa. So könnte jedes dieser Ereignisse zu einem Kippmoment werden, an der in die Welt doppelten Kontingenz abgebogen werden kann. Wo führt uns diese Art des Miteinander-Seins, diese Form der gelebte Praxis von Gemeinschaft hin? Lassen sich aus dem in der physischen Distanz neue Wege für eine zukünftige Technik oder Strategie des Theatermachens entwickeln? Verschafft uns die Pause zwischen dem Versenden eines Briefes und dem Erhalt einer Antwort neue Möglichkeitsräume?