Oxford Spacebase

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Stadtbilder bestehen aus Übermalungen. Bauten und Ereignisse verschwinden hinter immer neuen Schichten von Geschichte. Die Gegenwart bestimmt, an was wir uns erinnern und was sichtbar bleibt. Historie übermalt Leerstellen. Sie wählt den Fokus selektiv. So präsentiert sich auch die Stadt Münster in der Selbsterzählung gern als Stadt des Westfälischen Friedens und pflegt darin eine ausgeprägte Gedächtniskultur. Dass es daneben auch eine militärische Geschichte gibt, bleibt weitgehend ausgeblendet.

Münster wurde nach dem Westfälischen Frieden zu einer strategisch wichtigen Garnisonsstadt. Über 30 militärische Bauten sind noch erhalten, ohne dass die offizielle Erinnerung sie bewohnt und belebt. Besonders markant ist die ehemalige Oxford-Kaserne im Stadtteil Gievenbeck. Ihre Geschichte ist exemplarisch. Sie handelt von Krieg, Besatzung und Verdrängung und beginnt mit der Enteignung von Landwirten und Bewohnern 1934. Die NSDAP schafft Platz für den Bau der Flakartillerie-Kaserne Hermann Goering. Es ist kein Zufall, dass die Fertigstellung der Kaserne mit der Rheinlandbesetzung (der Stationierung von Truppeneinheiten der Wehrmacht im entmilitarisierten Rheinland) im März 1936 zusammenfällt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bezieht die britische Rheinarmee den unversehrt gebliebenen Gebäudekomplex, obwohl dringender Bedarf an Unterkünften für die Bevölkerung Münsters besteht. Im Laufe der Zeit wächst die Kaserne schließlich zu einer Stadt in der Stadt. Hier, in direkter Nachbarschaft zur Zivilgesellschaft, wurden jahrzehntelang Kriege geplant und geprobt, die anderswo stattfanden. Militärische Gewalt als Alltag in einer Parallelwelt.

Von der Geschichte der Oxford-Kaserne wird schon bald keine Erinnerung mehr zurückbleiben. Ab Ende 2022 wird aus dem Areal eine moderne Wohnsiedlung. Das Zeitzeugnis verschwindet hinter der nächsten Schicht Farbe. Es ist ungewiss, wie die Erinnerungen daran erhalten werden. Noch sind Erzählungen zum Ort durch Zeitzeug:innen abrufbar. Die Bilder, Geschichten, Klänge und Geräusche dieser Historie werden mit diesem Projekt zu Gehör und vor Augen gebracht. Das Projekt Oxford Spacebase unter der Leitung des Regisseurs Till Wyler von Ballmoos nutzt die einmalige Gelegenheit, mit einem hybriden, multimedialen Aufführungsformat vor Ort ein Nachdenken über den Ort anzustoßen und mit digitalen Mitteln langfristig zu fördern. Im kurzen Zeitfenster des Leerstands schafft die recherchebasierte Stückentwicklung Wissen und Bewusstsein, wo sonst ein weiterer blinder Fleck wächst. Der Frieden, den wir in Europa haben, ist global betrachtet mehr Privileg als Selbstverständlichkeit. Entsprechend brauchen wir eine wache und kritische Erinnerungskultur, die unser Bewusstsein für die Möglichkeitsräume aller Geschichten schärft.

Zusammen mit internationalen Künstler:innen entwickelt Till Wyler von Ballmoos diese interdisziplinäre Theaterinstallation, um sich einerseits mit einem Stück europäischer Militärgeschichte auseinanderzusetzen. Andererseits soll mit den Mitteln der bildenden und darstellenden Künste ein Format geschaffen werden, das anhand von persönlichen Erinnerungen und historischen Fakten Räume der Vergangenheit erfahrbar macht sowie Erkenntnisprozesse des Publikums anstößt. Das Publikum wird vor Ort mit den vier Epochen der Geschichte der Kaserne konfrontiert werden: der Gegenwart, der Epoche der britischen Garnison, der Zeit des NS-Regimes und der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Das Theater im Pumpenhaus Münster in Koproduktion mit Ballmoos Productions präsentiert im Juni 2022 einen ortsspezifischen, performativen Parcours im ehemaligen Unteroffizierskasino der Oxford Kaserne in Münster Gievenbeck.